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Reisebericht


Tienschan-Trekking 1994
1.8.1994 -- 3.9.1994

Jürgen Bätz Martin Walther

Einleitung

Der Tienschan ist eine rund 2000km lange, stark untergliederte Hochgebirgskette in Zentralasien. Sie erstreckt sich in nahezu West-Ost-Richtung. Der Issyk-kul-See befindet sich dabei im Zentrum des Tienschans auf 1600m Höhe. In dem davon südwestlich gelegenen Zentralen Tienschan gipfelt das Gebirge im 6995m hohen Chan-Tengri und dem 7439m hohen Pik Pobeda. Zu einer Fahrt in den Tienschan inspirierte uns ein Bekannter aus Leina, der seit fünf Jahren regelmäßig Trekking-Touren in den Nördl. Tienschan durchführt. Dadurch angeregt, versuchten wir durch Literaturrecherchen mehr über das Gebiet zu erfahren. Als wir in der Uni-Bibliothek in Jena nur eine Handvoll brauchbarer Literatur aufstöberten, wurden wir uns langsam bewußt, daß nie allzu viel über das Gebiet publiziert wurde und es somit eine Fahrt mit Überraschungen werden könnte. Trotzdem bekamen wir eine abkopierte Karte,die wir noch einmal kopieren konnten und somit eine Orientierungshilfe für die nördl. Gebirgskette hatten. Diese Karte war im Maßstab 1:200.000 gehalten und auf der 3. Kopie (2. Kopie als Sicherheit für daheim!) verschwanden schließlich auch die letzten Höhenlinien. Das wurde allerdings dort zu keinem größeren Problem, da die Dimensionen so gewaltig sind, daß diese Karten zur Orientierung reichten. Genaue Wegverläufe sucht man sowieso vergebens. Wir beantragten kasachische Visa. Man versicherte uns, in Kirgisien und insbesondere am Issyk-kul sei es nicht unbedingt notwendig, ein kirgisisches Visum zu besitzen. Man müßte sich halt nur an den Grenzposten nach China rund 100km vor der Grenze vorbeimogeln, um in den Zentralen Tienschan zu gelangen. Wir hatten also geplant, vom Ausgangsort Almaty (ehem. Alma-Ata) zum Issyk-kul zu laufen und von dort aus in den Zentralen Tienschan zu gelangen. Dort wollten wir auf dem Inyltschek-Gletscher, einem der längsten außerpolaren Gletscher der Erde mit 70km Länge, bis zum Merzbacher-See und vielleicht weiter bis zum Chan-Tengri-Basecamp vorstoßen. Das waren unsere Pläne, doch die Realität sieht meistens anders aus...

Exkursionstagebuch

1.8.1994

Um 5.30 Uhr war Abfahrt nach Hannover. Von dort ging es bald weiter mit einem Pendelbus (8 DM/Person!) zum Flughafen Hannover-Langenhagen. Beim Einchecken hatten wir rund 80 DM Übergepäckgebühr zu bezahlen. Kurz nach 14 Uhr hob die IL-86 der Kasachstan-Airlines mit vielleicht 30% Passagierbelegung in Richtung Almaty ab. Der Flug dauerte 6 Stunden, wobei noch 5 Stunden Zeitverschiebung dazuzurechnen sind.

2.8.1994

In Almaty kamen wir 1.30 Uhr nachts an. Die erste Hürde dort war eine Zollerklärung auszufüllen, die ganz in kasachischer Sprache gehalten war. Kaum war diese genommen, umringten uns dutzende Taxifahrer, die sich ein paar Dollars verdienen wollten. Übernachtet haben wir aber im Flughafengebäude. Um 6 Uhr ließen wir uns von einem Taxifahrer in die Stadt fahren (rund 30 km). Dort suchten wir einen Bekannten auf, der uns eine Nacht beherbergen wollte. Er sah es als ganz normal an, uns sofort seinen Wohnungsschlüssel zu überlassen. Wir hatten somit einen Tag Zeit, um uns Almaty ein wenig anzuschauen (Präsidentenpalast, Basar, Hotel Kasachstan). Hierbei hatten wir einen ersten Eindruck von den Entfernungen in Asien bekommen. Man braucht nur alles Gewohnte mit dem Faktor 10 zu multiplizieren (auch Zeitangaben)! Am Abend bot sich ein erster Blick auf die Nordwand des Pik Talgar, der mit seinen 4972m Höhe das Gebirge südlich von Almaty krönt.

3.8.1994

Am Morgen wurde das Gepäck "bergfertig" gemacht. Vormittags fuhren wir mit dem Bus nach Alma-Arasan, einem kleinen Kurzentrum südlich von Almaty auf 1700m Höhe. Das Tal der Gr. Almatinka ließen wir links liegen, da wir den Trans-Ilischen Alatau über den Almaty-Paß überqueren wollten. Von Alma-Arasan aus ging es flußaufwärts entlang der Prochodnaya bis 17 Uhr dem ersten Paß entgegen. Auf 2200m Höhe wurde dann das Zelt aufgestellt und wir machten erste Angelversuche. Fisch gabs dann zum Essen doch nicht, aber ein schönes Lagerfeuer (das letzte für die nächsten Tage) entschädigte uns. Sobald man sich unterhalb der Waldgrenze befindet, ist Feuermachen kein Problem: Man setzt sich hin und greift um sich, schon hat man genug geeignetes Holz. Kaum lagen wir danach im Zelt, fing es an, die ganze Nacht durch zu regnen. Das sollte in den nächsten Tagen noch zur Gewohnheit werden. Unsere "`Recherchen"' sagten eigentlich für jenes Gebiet 8mm Jahresniederschlag voraus, was sich dann doch sicher auf die Kasachische Steppe bezog.

4.8.1994

Weiter geht es in Richtung Almaty-Paß. Unser recht zügiges Vorankommen ließ uns hoffen, noch heute in Paßnähe zu gelangen (Auf der Karte mit dem Maßstab 1:200.000 war es auch gar nicht mehr so weit!). Der Aufstieg war um einiges zeitraubender als vorgesehen, als wir irrtümlich auf die falsche Flußseite wechselten und dort keine Wege und Spuren vorhanden waren. Bedingt durch den Zeit-- und Klimawechsel kamen wir an jenem Nachmittag nur bis auf 2920m Höhe, wo wir einen Lagerplatz in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer Murmeltierfamilie bezogen. Auf der gegenüberliegenden Flußseite sahen wir die ersten Jurten, in denen Hirten den Sommer im Gebirge verbringen.

5.8.1994

Am heutigen Morgen hatten wir talabwärts Sicht auf das 2000m tiefer gelegene Almaty. Die Stadt verkroch sich dabei unter einer typisch braungelben Dunstglocke. Nachmittags kamen wir auf dem Almaty-Paß (3599m) an, über den die Grenze zu Kirgisien verläuft. Dort trafen wir eine Wandergruppe aus Nowosibirsk, die ebenfalls zum Issyk-kul wollte. Wir entschieden uns, an einem 150m tiefer gelegenen See, der sich später als Schlammloch herausstellte, unser Lager aufzubauen. An diesem Abend bekamen wir noch Besuch von Hirtenjungen und Jägern. Unsere Anwesenheit schien sich herumgesprochen zu haben.

6.8.1994


Seitental des Chon-Kemin
Heute stiegen wir bei teils strömendem Regen ins Tal des Chon-Kemin ab. Dieses Tal stellte, was Größe und Weite betrifft, alles bis dahin Gesehene in den Schatten. Dieser Fluß ist auch bei Niedrigwasser ohne Brücke unüberwindbar. Auch seine zahlreichen aus der Ferne harmlosen Nebenflüsse stellten bei näherem Herankommen schwer überwindbare Hindernisse dar. Angekommen im Tal (2700m) wurden wir von zwei kirgisischen Hirten sehr gastfreundlich empfangen und mit frischer Milch, Butter und Brot bewirtet.

7.8.1994

Am heutigen Tag wollten wir rund 7km flußabwärts wandern, um mit Hilfe einer von Hirten beschriebenen Brücke den Tschon-Kemin zu überqueren. Gegen Mittag trafen wir nach einer kleinen Flußüberquerung auf ein Geologenlager. Hier hatten sich mehrere Geologen aus Bishkek (ehem. Frunse) für mehrere Monate eine kleine Zeltstadt eingerichtet. Wir wurden sofort als Gäste aufgenommen und wurden von in den Ferien im Lager arbeitenden Studenten belagert. Sie stellten uns anstandslos zwei Pferde zur Verfügung, mit denen wir einen kleinen Ausritt in Richtung der Brücke unternahmen. Ein Highlight war das Küchenzelt, welches einen Hauch Expeditionsromantik verbreitete. Den Abend verbrachten wir zusammen mit den Studenten mit Schachspielen und wörterbuchgestützten Diskussionen.

8.8.1994

Obwohl das Wetter zusehends besser wurde, wollten uns die Studenten mit düsteren Prognosen zum Bleiben überreden. Als die Sonne sich dann zeigte, verließen wir das Zeltlager, um die Kungei-Alatau-Kette in Richtung Issyk-kul zu überqueren. Später bereuten wir diesen Entschluß, da es uns dort an nichts fehlte und wir dort noch gern ein paar Tage hätten bleiben können. Unser Weg folgte von nun an wieder in südlicher Richtung talaufwärts dem nördl. Orto-koy-suu. Am frühen Nachmittag schlugen wir unterhalb der Gletschermoränen unser Lager auf 3350m Höhe auf, da uns an diesem Tag die Zeit für eine Paßüberschreitung nicht ausreichend erschien.Wenig später trafen wir einen Hirten, der von uns gleich beschenkt werden wollte. Wir ließen ihn schließlich mit einer alten Fleacejacke ziehen. Da in Kirgisien sich nahezu alles auf dem Pferderücken abspielt, und er noch an diesem Tag über den Paß wollte, sehnten wir uns ab diesem Moment auch nach 2 Reitpferden.

9.8.1994


Begegnung mit Hirten
Wir stiegen die letzten 500m zum Paß entlang einer Gletschermoräne auf, bis wir schließlich mittags am Kokajryk-Paß in 3889m Höhe ankamen. Viel Zeit zum Verweilen blieb nicht, da sich um uns Gewitterwolken versammelten. Die Berggipfel rings um uns ragten alle über die 4000m-Marke hinaus, so daß es für uns eigentlich eine Einladung sein müßte. Auf Grund der schlechten Wetterlage zog es uns jedoch ins Tal, um das Zelt noch trocken aufzustellen. Währenddessen trafen wir acht jugendliche Reiter mit Gewehren, die sich als Hirten auf der Jagd(?) herausstellten. Nach den obligatorischen Fotos ging es mit vier von ihnen per Pferderücken zu ihrem Zelt im Tal des südl. Orto-koj-suu. Dort konnten wir essen und Tee trinken. Kurzer Hand spannte man uns auch zum Eintreiben der Schafe (1200 Tiere!) ein. Was nun auf der Tagesordnung stand, war das Verteilen der Geschenke. Wir hatten aber nicht daran gedacht, in Deutschland noch diversen Nippes (z.B. Werbegeschenke) mitzunehmen, und so kam es, daß wir den beiden Hirten Zahnpasta, Seife, einen Wecker und eine Uhr gaben. Es war schwer, um nicht zu sagen unmöglich, ihnen klarzumachen, das wir unsere Ausrüstung noch brauchten und diese nicht zum Handeln zur Verfügung stand.

10.8.1994

Heute sollte es nun entgültig zum Issyk-kul (1600m) gehen. Die Hirten erzählten etwas von 5km und das es gar nicht weit sei. Im Nebel konnten wir das aber schlecht widerlegen. Auf 2600m Höhe trafen wir einen älteren Hirten, der uns zum Tee in sein Zelt einlud. Er warnte und vor Banditen und Halsabschneidern und gab uns die Adresse von seinem Bruder in Chon-sary-oj, einem Dorf direkt am See. Als wir aus den Wolkengrenze kamen, sahen wir den Issyk-kul noch weit unter uns liegen. Aber wichtig war, daß die Sonne am See schien. Wir wurden trotzdem durch ein Gewitter, welches sich an den Bergen abregnete, noch einmal richtig aufgeweicht. Bis zum späten Nachmittag liefen wir noch, bis wir schließlich das Haus fanden. Dieser Bruder hatte noch ein kleines Haus zum Vermieten frei, und so quartierten wir uns dort ein. Ein erstes abendliches Bad im Issyk-kul schloß den Tag ab.

11.8.1994

Der heutige Tag sollte der Erholung dienen. Als wir morgens an den Strand wollten, schleppte uns ein Kirgise zu seinen Freunden ab, die vorhatten, mit uns Wodka zu trinken. Als wir die unsere Lage erkannten, gingen wir aber nach einem Glas, wobei man uns noch den Beutel voll Aprikosen füllte. Wir verbrachten den Vormittag an einem riesigen menschenleeren Strand. Der Issyk-kul ist rund 50-80km breit, 200km lang und der fünfttiefste Binnensee der Erde (700m). Umringt wird er von fast allen Seiten mit Bergen des Kungei- und Terskei-Alatau mit Höhen von durchschnittlich 4000-5000m. Nachmittags fuhren wir noch mit einem Bus ins 50km entfernte Cholpon-ata auf den Basar.

12.8.1994

Nun wollten wir in das südöstlich vom Issyk-kul gelegene Karakol (ehem. Prshewalsk), um von dort die Tour in den zentralen Tienshan starten zu können. Am Morgen warteten wir 2 Stunden auf einen Bus, der uns nach Cholpon-ata bringen sollte, wo sich ein zentraler Busbahnhof befand. In Kirgisien halten die Busse aber nur, wenn sie nicht voll sind. Das sind sie aber leider fast alle, da Busfahren im Vergleich zum Taxi sehr billig ist. Nach vergeblichem Warten nahmen wir schließlich doch ein Taxi. In Cholpon-ata gab es auch dort in den Bus kein Hineinkommen, so daß wir uns entschlossen, mit einem Taxi nach Karakol zu fahren (150km). Das Auto klapperte auf der Fahrt zunehmend, und als wir ankamen, stieg der Fahrpreis noch auf das Doppelte (80DM). In Karakol wurden wir an der kirgisischen Turbasa, einer Alpin-Touristen-Station, abgesetzt. Dort duldete man uns und wir konnten dort unser Zelt aufstellen. Unser Problem war, daß wir kein Visum für Kirsisien hatten. Zwar hätte uns im Gebirge auch niemand danach gefragt, aber hier hing es davon ab, ob wir die Einreiseerlaubnis für den Zentralen Tienschan bekamen und ein Lkw bzw. Helikopter uns hinbrächte. Später erfuhren wir, daß diese Verfahrensweise abhängig sei, an wen man dort gerät. Zum Beispiel hätte sich in Kasachstan keiner um eine Erlaubnis geschert. Man schlug uns vor, das Wochenende abzuwarten, und am Montag die Ämter zu besuchen.

13 - 14.8.1994

Das Wochenende verbrachten wir damit, uns in Karakol auf dem Basar umzusehen und an den Issyk-kul zu fahren. Wir besuchten auch das Denkmal Prshewalskis, dem Asienforscher und ersten Erkunder des Tienschans.

15.8.1994

Mit Hilfe vier russischer Studenten, die ebenfalls in den Zentralen Tienschan wollten, suchten wir in der Stadt die Behörden auf. Wir hatten unser Permit schon in der Tasche, als wir schließlich am KGB scheiderten. Wir sollten doch ruhig in die Hauptstadt fahren (ca. 300 km), und uns dort ein Visum besorgen. Auf die Bemerkung hin, wir seien zu Fuß über den Nördl. Tienschan gekommen und wollten hier unser Visum von der Visumsbehörde, zuckten die Diensthabenden nur mit der Schulter (Dabei wäre es sicher machbar gewesen). So zogen wir unverrichteter Dinge wieder ab, und stellten unsere Pläne um. Da wir nun noch viel Zeit hatten, wollten wir auf einer anderen Route den Nördlichen Tienschan zurück Richtung Almaty überqueren. Wir fuhren mit einem Bus an das Nordufer des Issyk-kul nach Semenovka, um noch einmal zu baden und am nächsten Tag den Heimweg anzutreten.

16.8.1994

Wir fuhren ein letztes Mal auf den Basar nach Cholpon-ata, um einzukaufen und Schaschlik zu essen, und ließen uns dann an einer Turbasa im Ak-suu-Tal auf 2200m absetzen. Nicht weit davon trafen wir auf Imker. Sie luden uns zu einer Honigverkostung ein. Ein paar Kilometer oberhalb fanden wir einen hübschen Platz zum Lagern, und so beschlossen wir, einen Tag hier zu pausieren und Fische zu fangen.

17.8.1994

Natürlich kam es wie es kommen mußte. Kaum hatten wir mit dem Holzsammeln und Fischen begonnen, kamen drei Waldarbeiter auf ihrer Raupe angefahren. Sie wollten uns einladen, und wir sollten doch mit ihnen zum Zelt kommen. So schnell konnten wir kaum was sagen, da packten sie auch schon unser Zelt ein, und unsere Sachen waren im Rucksack verschwunden. Nach einer halsbrecherischen Fahrt, nach der ein Rucksack nach Diesel stank und die Raupe ihre Kabinenrückwand verlor, wurden wir erst mal verköstigt. Nebenbei sagte man uns, das in dem Bach, an dem das Lager stand, viel Gold zu finden sei. Und so verbrachten wir fast die restliche Zeit damit, ein wenig im Fluß Gold zu waschen. Später fanden wir heraus, daß es sich bei dem gefundenen Sachen nur um ein Gemisch mit hohem Eisenanteil handelte.

18.8.1994


wildes Tal im Kungei-Alatau
Heute wanderten wir in einem waldreichen Tal flußaufwärts in Richtung Kugantor-Paß. Dabei standen 3 Flußdurchquerungen an, was uns viel Zeit kostete. Unser Lager schlugen wir schließlich auf 2400m Höhe auf. Hier sollte es noch ein letztes Lagerfeuer für die nächsten Tage geben, was aber öfters durch Regen unterbrochen wurde. In der Nacht klarte es jedoch wieder auf, so daß wir ohne Zelt in die Schlafsäcke krochen.

19.8.1994


Lager unterhalb vom Kugantor-Paß
Wir standen diesmal früh auf, denn die Tagesetappe sollte uns bis auf 3900m Höhe bringen. Diese Etappe wurde insofern hart, da wir direkt von Süden kamen und bei strahlendem Sonnenschein keinen Schatten fanden. Als die Hitze unerträglich wurde, legten wir uns nach einer Mittagspause, gesättigt mit "Mousse au Chocolat", unter unsere Rettungsfolien. Ca. 17 Uhr hatten wir den 3908m hohen Kugantor-Paß und schließlich auch Kasachstan wieder erreicht. Von hier bot sich uns erstmals ein Blick auf die Südseite des 4972m hohen Pik Talgar, dem höchsten Berg des nördl. Tienschans. Hinter uns sahen wir noch einmal den Issyk-kul mit der Kette des Terskei-Alatau am Horizont. Wir mußten uns aber noch beeilen, um jenseits der Gletschermoräne zu gelangen. Die Nordseite ist im Gegensatz zur Südseite mit einem Gletscher belegt, bei dem unsere Eisausrüstung das erste Mal zum Einsatz kam. Schließlich kamen wir kurz vor 20 Uhr auf einer Wiese im Kugantor-Tal in 3400m Höhe an, wo wir bald in den Schlafsack fielen.

20.8.1994


Überquerung des Chilik-Flusses
Nun stiegen wir bis zum Chilik-Fluß ab, wo wir nach einer Möglichkeit suchten, ihn zu überqueren. Dabei trafen wir auf ein paar kasachische Hirten, von denen einer, wie er uns erzählte, in Gotha stationiert war. Er war überhaupt der Einzige, dem Thüringen und Gotha ein Begriff war. Wir ließen uns seinen herrlichen Kefir schmecken, was er sichtlich genoß. Am Nachmittag machten wir uns schließlich am breiten Zufluß des südöstl. Talgars an die Durchquerung. Auf der anderen Seite des Flusses schlugen wir unser Zelt auf und lagerten.

21.8.1994

Heute mußten wir den südöstl. Talgar überqueren, um in das Tal des südl. Issyks zu gelangen. Trotzdem auf unserer Karte eine Furt eingetragen war, konnten wir den Fluß nicht auf dieser Höhe überqueren. Vor ein paar Jahren ging in dem Tal eine Mure hinab, ausgelöst durch den Gletscher weiter oben. Dadurch hatte sich der Flußlauf selbst begradigt, so daß das Wasser nun wild herunterschoß. Wir hatten somit keine Wahl und mußten flußaufwärts durch Schutt und Geröll nach einer geeigneten Stelle suchen. Ca. 17 Uhr fanden wir dann eine flache Stelle und konnten den Fluß durchqueren. Hier trafen wir ein paar Einheimische, die das gleiche Problem hatten wie wir, nur daß sie auf unsere Seite wollten. Hier knapp unterhalb der Gletschermoräne lagerten wir, da für den Rückweg auf dieser Flußseite weniger Zeit zu rechnen war.

22.8.1994

Morgens mußten wir ungefähr 1 1/2 Stunden auf unser Teewasser warten, da der Kocher auf Grund Überhitzung zu explodieren drohte. Um ein Haar konnten wir es aber noch verhindern und so ging es dann ca. eine Stunde flußabwärts um dann in das Tal des südl. Issyk zu gelangen. Heute wollten wir noch bis zum Gletschertor laufen, um dann am nächsten Morgen den Glescher zu begehen. Als wir aber in Sichtweite des Gletschers die Moränen noch vor uns hatten und wir eine Wasserstelle fanden, blieben wir in rund 3100m Höhe und stellten dort unser Zelt auf.

23.8.1994


Korshenewskij-Gletscher
Frühzeitig machten wir uns auf den Weg über die Moränen zum Gletschertor des Korshenewskij-Gletschers, dem flächenmäßig wohl größten Gletscher des nördl. Tienschans. Die Szenerie auf dem Gletscher war atemberaubend: Rings um uns ragten steile Berge jenseits der 4000m-Marke in den Himmel, der gewaltigste unter ihnen der Pik Talgar mit seinen knapp 5000m Höhe. Der Gletscher setzte sich aus unzähligen Einzelarmen zusammen, die sich hier zum Korshenewskij-Gletscher verreinten. Auf dem geaperten Gletscher kamen wir zügig voran, und so befanden wir uns nach 3 Stunden an der Randkluft,

Pik Talgar
von deraus wir in östlicher Richtung den Kakbulak-Paß wähnten. Der Abstieg (20m) von der Randkluft war noch eine heikle Angelegenheit: Zwischen Eis und Fels rauschte ein Schmelzbach, so daß wir das Gepäck einzeln und uns mit einem Sprung auf das Gestein aus der Lage retteten. Nach einer späten Mittagspause erreichten wir schließlich um 16 Uhr den 4036m hohen Kakbulak-Paß. Von hier oben hatten wir noch einmal sehr schöne Aussicht auf die hohen Berge, bevor wir uns zum Abstieg auf den Kakbulak-Gletscher begaben. Nachdem wir den Gletscher und seine Moräne hinter uns ließen, fanden wir ca. 18 Uhr eine kleine Wiese auf 3700m Höhe, auf der wir unser Zelt aufstellten.

24.8.1994

Am Morgen gingen wir talabwärts über Wiesen, was eine Erholung für die letzten Tage bedeutete. Hinter dem erstgrößerem Bergmassiv bog das Tal nach links ab. Dort versperrte ein Bergsturz mit einem 300m hohen Geröllhang das Tal. Nach wenigen Stunden erreichten wir einen Hochgebirgswald, der völlig unberührt erschien. Hier sollte es auch einige Bären geben, doch gesehen hatten wir keine. Am reißenden Issyk-Fluß stellten wir unser Lager in 2500m Höhe schließlich auf. Unsere Karten waren ab hier auch nichts mehr Wert, und so hofften wir, daß es nicht mehr weit sei bis zum ersten Ort.

25.8.1994

Die heutige Tagesetappe versprach zunächst eine Wanderung durch herrlichen Bergwald. Nach 3km Wald standen wir plötzlich vor einer Überraschung: Ein Nebenfluß des Issyk hatte von links oben kommend den halben Berg mitgebracht und im weiter talabwärts die Hänge mitgerissen.So mußten wir erst den Nebenfluß überqueren und dann ca. 5km im Flußgeröll laufen. Ab dann änderte sich wieder die Szenerie, denn man konnte unmittelbar am Fluß nicht mehr weitergehen. Somit blieb uns nichts anderes übrig, als um die Muren herum zu laufen. Das kostete natürlich viel Zeit und Kraft, jedesmal wieder 50m hoch und 50m hinunter gelaufen zu sein und trotzdem fast nicht weiter zu kommen. Am späten Nachmittag endlich erreichten wir den ehemaligen Stausee Issyk, der in den 60er Jahren bei einem schweren Bergrutsch auslief und den 20km weiter unten gelegenen gleichnamigen Ort verwüstete. Am Rest des Stausee konnten wir in einem kleinen See baden und uns somit auf die Zivilisation vorbereiten.

26.8.1994

Wir mußten nun die bis zum Stausee gebaute alte Landstraße Richtung Issyk laufen, welche mit allen Serpentinen gerechnet 25km vor uns lag. Glücklicherweise trafen wir auf ein Auto mit Rangern, die uns mitnahmen. Sie sagten uns, nachdem wir mehrere Kontrollposten passierten, daß das Gebiet, aus dem wir kamen, Nationalpark sei und kein Unbefugter in das Tal hineingelangen sollte. Es werden natürlich aber die Leute herausgelassen, die über andere Pässe in das Tal kommen. Die Rangers setzten uns direkt am Busbahnhof ab, wo sich der Basar befand. Hier stürtzten wir uns gleich über Melonen und Schaschlikbrater her. Später nahmen wir einen privaten, aber billigen Bus nach Almaty. Am dortigen Busbahnhof beauftragten wir gleich einen Kasachischen Taxifahrer damit, uns zur Turbasa zu bringen. Er kannte sie wie viele andere Befragte nicht, und so dauerte es eine ganze Weile, bis wir sie fanden. Dort wollte uns jedoch niemand so richtig aufnehmen, da nur noch die Verwaltung existierte. Man verwies uns auf einen deutschen Lehrer, der gegenüber der Turbasa arbeitete, und der könne uns doch sicherlich weiterhelfen. Diesem Lehrer, Herrn Hans-Martin Dederding aus Erlangen, verdanken wir es, daß wir einen Platz im Wohnheim des Lehrerfortbildungsinstitutes bekamen.

27.8.1994

Wichtig war, daß wir uns vor dem Rückflug rund fünf Tage vorher beim Reisebüro Neufeld in der Stadt telefonisch melden sollten. Wir wollten das Büro aber schließlich doch persönlich aufsuchen, da die Verständigung über das Telefon nicht klappte (es dauerte auch schon eine Weile, ehe wir das Telefon-Bezahl-System verstanden). Auf Grund der Größe der Stadt und der unübersichtlichen Hausnummerierung fanden wir das Büro aber erst drei Tage später. Es gab offiziell auch keine Stadtpläne zu kaufen. Schließlich besorgten wir uns auf dem Basar für die nächsten Tage noch ein paar Lebensmittel. Dort tranken wir auch das erste Mal Kumys, ein Nationalgetränk aus vergorener Stuten- oder Kamelmilch. Gegen Abend liefen wir noch auf den Kok-Tëbe, auf dem sich der Fernsehturm befindet. Von hier aus hat man eine schöne Sicht auf die Steppe und den Trans-Ilischen Alatau.

28.8.1994

Heute fuhren wir, nachdem wir zwei Stunden auf einen Bus warteten, zur 2000m hoch gelegenen Eissportanlage Medeo. Dort oben fand ein bislang nicht gekannter Touristenrummel statt, wobei Alt und Neu auf eigenartigste Weise vermischt wurden. Medeo schien ein Ausflugsziel zu sein, welches bei den einheimischen Neureichen absolut "in" war.

29.8. - 3.9.1994

Die letzten Tage verbrachten wir damit, für eine eventuelle Wiederkehr noch diverse Erkundigungen zu machen und Informationen zu beschaffen. Letzteres war besonders schwer, da außer unserem deutschen Lehrer niemand so richtig wußte, wo es Kartenmaterial und passende Bücher in Almaty zu kaufen gibt (in Buchläden sucht man da vergebens, sie waren voller Schulbücher). Letztendlich kamen wir auf die Turbasa im Haus gegenüber zurück. Eine gewisse Tatjana Michailova, die Chefin für die kasachischen Bergtouristik in der Turbasa, konnte uns von allen verfügbaren Karten je ein Exemplar verkaufen. Weiterhin gab sie uns - aber nicht verbürgbare - Informationen zur Durchführung von organisierten Touristenexkursionen in den Zentraltienschan (bei uns würde man so etwas als alpine Kleinexpedition bezeichnen; viele Gletschertraversen und Pässe über 5000m). Schließlich flogen wir am 3.9. frühmorgens heim und landeten 10 Stunden später in Hannover, bedingt durch einen Zwischenaufenthalt in Moskau.

Hier gibts auch nochmal die Bilder zu der Tienschan-Tour 1994 in geballter Fassung.

 

letzte Änderung: 2002-11-28 12:10:56
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